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Wiesenfestnachlese Rede von Pfarrer Gerald Zimmermann am Wiesenfestmontag

Selbitz , den 01.08.2018

Liebe Schul- und Wiesenfestfamilie!

 

Es hat ganz schön lange gedauert, bis endlich ein Schüler eine Antwort gab. Es ist ein paar Jahre her. Und es war im Religionsunterricht in der 5. Klasse. Die Frage lautete: Wann hat Jesus gelebt? Und dann kam doch noch eine Reaktion. Ein Schüler schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn: „Mensch bin ich bescheuert! Vor 2000 Jahren natürlich!“…

 

Oft ist uns gar nicht mehr bewusst, dass unsere Zeitrechnung, die Anzahl der Wochentage und die Jahreszählung ihren Ursprung im christlichen Glauben haben! 2018 – das heißt etwa 2000 Jahre nach der Geburt von Jesus Christus leben wir. Wir schreiben zwar 2018, aber denken uns nichts mehr dabei.

 

Und so geht´s uns nicht nur mit den Jahreszahlen. Die Monate eines Jahres sind ja mit allerhand Feiertagen bestückt: Advent, Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Pfingsten, Erntedank… auch der 1. Mai-Tag der Arbeit und natürlich das Selbitzer Wiesenfest….

 

Übrigens „Anno Domini“ im Jahr des Herrn 1834 wurde unser Selbitzer Wiesenfest von Pfarrer Wilhelm Christoph Gottlob Barnickel, einem gebürtigen Selbitzer, zur Aufmunterung der Schulkinder eingeführt!

 

Natürlich sind wir dankbar und freuen uns über den zusätzlichen Freiraum, den uns Feiertage und Festzeiten bieten. Aber der Sinn dieser „Feier-Tage“ wird uns oft immer fremder. „Man muss die Feste feiern wie sie fallen, sagt ein altes Sprichwort. Aber heißt das auch feiern, ohne zu wissen, was da eigentlich fällt? Klar, „Feier-Tage“ kann man nicht einfach befehlen. Aber da, wo es etwas zu feiern gibt, weil das eigenen Herz voll ist, weil man was vom Sinn dieses Festes verstanden hat – da kommt echte Feiertagsstimmung fast von alleine. Also, wenn wir sonst die Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit jedes einzelnen Menschen so betonen, wäre es doch komisch, wenn über Feiertagen bloß das Etikett „frei“ steht. Jeder Sonntag, jeder einzelne Feiertag eines Jahres hat sein eigenes Gesicht, seine unverwechselbare Aussage und Bedeutung.

 

Mach dich doch einfach mal auf die Suche! Auf unserem blauen Planeten gibt´s ja keine Kontinente mehr zu entdecken und Gott sei Dank auch keine fremden Länder mehr zu erobern. Aber den Sinn des Feierns der Frei-zeit an den Feiertagen wiederzuentdecken – das wäre eine lohnenswerte Aufgabe!

 

Wir werden dabei merken, wie sehr der christliche Glaube unsere Tage und Jahre prägt, wir leben häufig unbewusst mit diesem Draht nach oben“, mit dieser Erinnerung, dass wir Menschen nicht aus uns selbst heraus leben können und leben sollen.

 

Wem das nicht so ganz einleuchtet, der sei an die Geschichte von der Spinne erinnert, die kunstfertig ihr Netz zwischen den Ästen gesponnen hat. Sie war so in ihre Arbeit und ihre eigene Leistung versunken, dass sie am Ende nicht mehr wusste, wozu dieser eine Faden nach oben, mit dem sie sich abgeseilt und von dem aus sie ihr Kunstwerk begonnen hatte, jetzt eigentlich noch nötig war. Kurz entschlossen biss sie den vermeintlichen „Störenfried“ ab – und im selben Moment fiel ihr Netz in sich zusammen…. Lasst uns klüger sein als diese Spinne!

Selbitz, 23.07.2018

           Gerald Zimmermann

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Wiesenfestnachlese Rede von Pfarrer Gerald Zimmermann am Wiesenfestmontag